Familienfeiern sind eine aufregende Sache. Wenn es in Ihrer Familie kleine Kinder gibt, wissen Sie, dass das Singen der Titelmelodien aktueller Kinderserien immer hoch im Kurs steht. Wäre es da nicht praktisch, wenn Sie sich spontan ans Klavier setzen könnten, um ein Lied zu begleiten? Was Sie dafür brauchen, sind die Prinzipien der einfachen Liedbegleitung. Gemeinsam mit Adrian, dem Musiktheorie-GurUHU, zeige ich Ihnen, wie es geht.
Das lesen Sie in diesem Artikel:
Liedbegleitung ist eine gefragte Fähigkeit
Sie sind auf einer Familienfeier. Plötzlich fängt irgendjemand an, ein Lied zu trällern – vielleicht hat er oder sie eine Melodie im Autoradio aufgeschnappt oder erinnert sich gerade an die letzte Probe des Kirchenchores. Vielleicht haben Sie aber auch kleine Kinder in der Familie. Dann wissen Sie, dass die Titelmelodien aktueller Kinderserien immer hoch im Kurs stehen. Da diese Serien ja gerne mal in Dauerschleife laufen, sind die dazugehörigen Titelmelodien meistens der breiten Masse bekannt – jeder kennt sie.
Und so dauert es nicht lange, bis die halbe Familie mitsingt – wer sich nicht traut, zu singen, summt oder pfeift. Bis Ihre Großtante Erika, die schon immer die absonderlichsten Ideen hatte, Sie plötzlich mit großen Augen ansieht und fragt: „Kannst Du uns begleiten?“
Wenn Sie dann einen hochroten Kopf bekommen und ins Stammeln geraten sollten, keine Panik: Es gibt ja noch Adrian. Der ist zugegebenermaßen manchmal etwas launisch (das haben Sie nicht von mir!), aber immer hilfsbereit. Deshalb erklärt er Ihnen auch zuallererst, was eine „Begleitung“ eigentlich ist:
Adrian, der Musiktheorie-GurUHU:
Danke, Adrian!
Nun, den letzten Teil von Adrians Erklärung können Sie für die durchschnittliche Familienfeier getrost ignorieren. Eine ganze Opernarie wird dort vermutlich niemand aufs Parkett legen, nicht einmal Großtante Erika. Ein Volks- oder Kinderlied hingegen schon eher. Zum Beispiel so eines:
Wie können Sie das nun begleiten? Sehen wir uns doch einmal an, welche Töne in diesem kurzen Stück Musik auftauchen:
Es handelt sich um eine vollständige Tonleiter ohne Vorzeichen auf dem Basiston c, das heißt, Sie haben es hier mit der Tonart C-Dur zu tun. Soweit, so gut. Aber wie geht es nun weiter?
Liedbegleitung mit Dreiklängen
Adrian, der Musiktheorie-GurUHU:
1Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Stufentheorie_(Harmonik), 24/AUG/2020
Aha! Wir bilden sogenannte Dreiklänge! Was Adrian meint, sieht im Ergebnis so aus:
Und nun verrate ich Ihnen eines der verblüffendsten Geheimnisse aus der Kunst der Liedbegleitung: Sie brauchen gar nicht jeden dieser Dreiklänge. Sie brauchen meistens nicht einmal die Hälfte davon. Und sehr, sehr oft genügen Ihnen sogar nur drei, und zwar diejenigen der ersten, vierten und fünften Stufe.
Warum? Weil diese Dreiklänge alle Töne der dazugehörigen Tonleiter beinhalten:
Weil die Dreiklänge der Stufen I, IV und V so wichtig und universell einsetzbar sind, nennt man sie auch die Grundstufen.
Der richtige Dreiklang zur richtigen Zeit
Nun wissen Sie also, dass Sie ein einfaches Lied mithilfe der drei Grundstufen begleiten können. Stellt sich nur noch die Frage, an welcher Stelle des Liedes Sie welche Grundstufe unterlegen. Schließlich können Sie nicht einfach wild draufloslegen, selbst dann, wenn Sie nur die drei Grundstufen verwenden:
Adrian, der Musiktheorie-GurUHU:
„ARGH!!! AUFHÖREN!!! SOFORT AUFHÖREN!!!“
Entschuldigung, Adrian. Ich wollte diesen Punkt anschaulich gestalten.
Wenn Sie meinen Artikel über die Synkope gelesen haben, wissen Sie bereits, dass sich in einem 4/4-Takt schwere und leichte Zählzeiten einander abwechseln. Diese Erkenntnis können Sie nun für die einfache Liedbegleitung nutzen, indem Sie sich ansehen, welche Töne sich auf den einzelnen Zählzeiten befinden:
Merken Sie etwas? Sie können nun einfach auf jeder schweren Zählzeit eine der drei Grundstufen spielen. Sie wählen jeweils diejenige aus, die die Melodietöne am besten zusammenfasst:
Adrian, der Musiktheorie-GurUHU:
„Schon besser.“
Fertig ist die einfache Liedbegleitung! Großtante Erika ist zufrieden, der Rest der Familie singt wie im Rausch, und Sie sind der Star der Familienfeier.
Übrigens: Große Komponisten wie Mozart verwendeten nicht nur die Grundstufen, sondern verstanden sich auch auf die kunstvolle Anwendung der Nebenstufen, die sie oft durch tollkühne harmonische Wendungen erreichten. Auf ein solches Beispiel gehe ich in meinem Artikel über den ersten Satz aus Mozarts „Prager“ Sinfonie ein.
Jonathan Stark – Dirigent
Hallo! Ich bin Jonathan Stark. Als Dirigent ist es mir wichtig, dass Konzert- und Opernbesuche beim Publikum einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Dabei hilft Hintergrundwissen. Deshalb blogge ich hier über Schlüsselwerke der klassischen Musik, über Komponisten und Komponistinnen, über die Oper und vieles mehr, was sich in der aufregenden Musikwelt ereignet.
Lieber Adrian-GurUHU,
mir gefällt es sehr, was du da in deiner hoffentlich nicht mehr allzu lang andauernden Zwangsfreizeit in Seelbach zusammengestellt hast.
Alles Gute und Gruß aus Binzen
Thomas Eßer
Lieber Thomas, vielen Dank für das Kompliment! Liebe Grüße, Jonathan und (KRAH!) Adrian